Gewinner und Verlierer: So war der Wahlabend in der Region Neckar-Alb
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Es war ein spannender und auch überraschender Wahlabend. Die Grünen gewannen das Kopf-an-Kopf-Rennen gegen die CDU. Der nächste Ministerpräsident dürfte also Cem Özdemir heißen. Die SPD erzielte das bislang schlechteste Ergebnis bei einer Landtagswahl, die FDP schied aus dem Landtag aus, die Linke kam trotz gegenteiliger Umfrageergebnisse erst gar nicht rein. Die Region Neckar-Alb wird mit neun Abgeordneten im neuen Landtag vertreten sein. Die Ergebnisse im einzelnen:
So sieht das landesweite vorläufige Endergebnis aus: Die Grünen kommen auf 30,2 Prozent knapp vor der CDU mit 29,7 Prozent. Die SPD erzielt nur 5,5 Prozent, die FDP verpasst den Wiedereinzug in den Landtag mit 4,4 Prozent, die AfD erhält 18,8 Prozent, die Linke bleibt mit 4,4 Prozent auch weiterhin aus dem Landtag draußen.
Im Landtag sind nur noch vier Parteien vertreten: Grüne und CDU kommen beide jeweils 56 Sitze, die AfD 35 Sitze und die SPD 10 Sitze.
Im Wahlkreis Reutlingen holt sich Max Menton, CDU, das Direktmandat mit 34 Prozent. Thomas Poreski von den Grünen erhält 29,2 Prozent und kommt über die Landesliste in den Landtag. Auch Maximilian Gerner, AfD zieht in den Landtag ein. Bei den Erststimmen landet er mit 16,8 Prozent auf Platz 3. Ronja Nothofer-Hahn, SPD, bekommt 7,7 Prozent, Sebastian Geyer, FDP, 3,6 Prozent und Jessica Knapp von der Linken 5,7 Prozent.
Bei den Zweitstimmen bekommen die Grünen 34,4 Prozent, die CDU 28,1 Prozent, die SPD kommt auf 5 Prozent, die FDP erhält 4,1 Prozent, die AfD 17,1 Prozent und die Linke 4,6 Prozent.
Im Wahlkreis Hechingen-Münsingen holt sich Manuel Hailfinger, CDU, das Direktmandat mit 38,5 Prozent. Cindy Holmberg von den Grünen wird nur Dritte mit 21,9 Prozent, zieht aber über die Landesliste in den Landtag ein. Yannik Hummel, SPD. bekommt 6,8 Prozent, Timm Kern, FDP, holt 5,2 Prozent, Alexander Gräff, AfD, wird mit 22,7 Prozent Zweiter im Wahlkreis und Sonja Schneiderat von der Linken bekommt 3,4 Prozent.
Bei den Zweitstimmen holen die Grünen 25,7 Prozent, die CDU ist mit 32,6 Prozent stimmenstärkste Kraft, die SPD holt 4,2 Prozent, die FDP 5 Prozent, die AfD 23,4 Prozent und die Linke 2,7 Prozent.
Zum Wahlkreis Tübingen: Hier holt sich Daniel Lede Abal von den Grünen das Direktmandat mit 34,7 Prozent. Diana Arnold, CDU, bekommt 28,9 Prozent. Dorothea Kliche-Behnke, SPD, kriegt 8,9 Prozent und zieht über die Landesliste in den Landtag ein. Irene Schuster, FDP, liegt bei 3 Prozent, Anna Schneider, AfD, bekommt 11,8 Prozent und Katharina Poppei von den Linken 8,7 Prozent.
Bei den Zweitstimmen sind die Grünen stark mit 42,9 Prozent, die CDU erhält 23,4 Prozent, die SPD 4,6 Prozent, die FDP 3,5 Prozent, die AfD bekommt 12,2 Prozent und die Linke liegt bei 8 Prozent.
Im Wahlkreis Balingen holt sich Nicole Hoffmeister-Kraut, CDU, das Direktmandat mit 42,9 Prozent, Maurice Rößler von den Grünen wird mit 14,7 Prozent nur Dritter, Katja Weiger-Schick, SPD, bekommt 6,6 Prozent, Albrecht Raible, FDP, 4,1 Prozent, Hans-Peter Hörner, AfD, erzielt mit 26,2 Prozent das zweitbeste Wahlkreisergebnis und zieht über die Landesliste in den Landtag ein. Elena Krein von der Linken holt 3,5 Prozent.
Bei den Zweitstimmen bekommen die Grünen 22,1 Prozent, die CDU 33,6 Prozent, die SPD holt 4,3 Prozent, die FDP 4,4 Prozent, die AfD erhält 26,3 Prozent und die Linke 2,8 Prozent.
Feierlaune bei den Grünen: Stärkste Kraft mit knappem Vorsprung
Applaus und viel Freude bei den Grünen. Thomas Poreski und Cindy Holberg feierten gemeinsam im Grünen Büro in Reutlingen. Und zu feiern gab es einiges. Zwar bekamen beide nicht das Direktmandat, zogen aber über die Landesliste in den Landtag ein. Und: Die Grünen dürfen weiterhin den Ministerpräsidenten stellen.
"Das gibt uns absoluten Rückenwind auch für die zukünftigen Koalitionsverhandluingen, wir haben es wirklich geschafft, wieder nach vorne zu kommen und eine wichtige Rolle auch zu spielen, wir können zeigen, dass wir eine bürgernahe Partei sind und vor allem hier in Baden-Württemberg auch ganz klar eine Volkspartei", sagte Cindy Holmberg.
Und Thomas Poreski sagte: "Zugegebenermaßen bin ich einer der wenigen, die damit gerechnet haben, also die diese Dynamik auch ein Stück weit vorhergesagt haben, da haben mich alle etwas überehrgeizig oder überoptimistisch angesehen, aber es hat funktioniert, und wir haben mit einem wirklich hervorragenden Spitzenkandidaten, mit Cem Özdemir, den sich viele Menschen als Ministerpräsidenten wünschen, auch ganz viele Inhalte transportiert."
In Tübingen feierte Daniel Lede Abal ebenfalls in seinem Wahlkampfbüro. Er holte sich das Direktmandat im Wahlkreis Tübingen. Auch dass der nächste Ministerpräsident Cem Özdemir heißen wird, sorgte für Feierlaune.
"Also, wir sind natürlich sehr froh, das Ergebnis, als um 18 Uhr die Prognose kam, war natürlich Wahnsinn, wir haben uns wahnsinnig gefreut, weil jetzt eine wochenlange Aufholjagd sozusagen belohnt worden ist und dementsprechend gut ist die Stimmungslage", so Daniel Lede Abal.
CDU feiert drei von vier Direktmandaten
"Wir hier in Reutlingen haben einen superstarken Wahlkampf gemacht, wir haben tolle Stimmung gehabt, es hat richtig viel Spaß gemacht, wir haben so viele junge Leute auch in den Wahlkampf mit involviert, dass ich sagen kann: Ich bin stolz, und wir haben alles gegeben. Ich bin körperlich am Ende. Mehr wäre nicht gegangen, ich habe in diesem Wahlkampf auch persönlich alles gegeben", so Max Menton.
Jubel herrschte bei der CDU im Wahlkreis Hechingen-Münsingen im Wahlkampfbüro von Manuel Hailfinger. Hier feierte man das insgesamt doch gute Abschneiden der Christdemokraten. Manuel Hailfinger sieht hier auch die Belohnung für eine gute Regierungsarbeit und Rückenwind für eine Fortsetzung der grün-schwarzen Koalition.
"Also, ich bin jetzt erst mal froh, dass die Regierung überhaupt so möglich ist, weil vor Wochen haben wir darüber diskutiert, ob es überhaupt noch möglich ist, dass eine Zwei-Parteien-Konstellation in Stuttgart wieder zustande kommt und jetzt haben wir eine Regierung, die sehr stark bestätigt ist – deutlich stärker als sie an Stimmen war vor fünf Jahren. Von daher kann die Regierungsriege mit breiter Brust ihre Arbeit aufnehmen", so Hailfinger.
Nicht nur Max Menton und Manuel Hailfinger durften ihr Direktmandat feiern; auch Nicole Hoffmeister-Kraut war am Telefon hörbar guter Laune: "Also, hier im Wahlkreis habe ich ein großartiges Ergebnis erzielen dürfen, wir sind jetzt kurz vor der Endauszählung und habe da ein starkes Votum bekommen und freue mich natürlich über das große Vertrauen der Wählerinnen und Wähler in meinem Wahlkreis", so Hoffmeister-Kraut. "Ja, also wir sind natürlich als CDU angetreten, um die stärkste Kraft im Land zu werden, haben mit vielen Inhalten gepunktet, am Ende haben natürlich auch andere Themen eine Rolle gespielt, auch auf der persönlichen Ebene", so Hoffmeister-Kraut weiter.
AfD feierte ohne Wahlparty: Ergebnis verdoppelt
Die AfD Reutlingen verzichtete ganz auf eine Wahlparty. Diverse Farbbeutel-Attacken und andere Sachbeschädigungen im Vorfeld hatten zu dieser Entscheidung geführt. Maximilian Gerner und Alexander Gräff äußerten sich aber telefonisch.
Maximilian Gerner sagte: "Also, wenn man sich das Ergebnis von 2021 anguckt, ist das eine klare Verdopplung bzw. plus minus eine Verdopplung. Natürlich: Man muss sich anschauen, wo wir herkommen, und dann bin ich natürlich in erster Linie eigentlich zufrieden."
Und Alexander Gräff bemerkte: "Und ich denke mal, dass wir unser Ergebnis fast verdoppelt haben, finde ich sehr gut, ich hätte mir tatsächlich ein bisschen mehr erwartet, aber so ist es halt Wahlkampf und in der heutigen Zeit ist einfach so, man muss einfach mal zufrieden sein mit dem Ergebnis, was man hat."
Wahl-Desaster bei der SPD: Schlechtestes Ergebnis überhaupt
Ganz und gar nicht zufrieden war die SPD. Die einstige Volkspartei pulverisiert. Am Ende blieben nur 5,5 Prozent. Das schlechteste Landtagswahlergebnis der SPD überhaupt. Erklärungsversuche für ein Desaster:
"Wir haben in den letzten Wochen und Monaten schon gemerkt, es findet eine Zuspitzung statt zwischen diesen zwei Spitzenkandidaten, ganz viele haben uns zurückgemeldet: Ihr habt ein tolles Programm, ihr habt in der Fläche tolle Kandidierende, ihr macht einen guten Wahlkampf, aber ich will entweder den einen oder den anderen als Ministerpräsident, und da war es für uns ganz schwierig, in dieser Zuspitzung noch vorzukommen", so Ronja Nothofer-Hahn.
Nach einem schwierigen Wahlkampf erwartet die SPD mit diesem Ergebnis eine schwierige Legislaturperiode im Landtag. Die alte und neue Landtagsabgeordnete Dorothea Kliche-Behnke sagte: "Die SPD ist die einzig verbliebene demokratische Opposition im Landtag von Baden-Württemberg. Das ist eine neue Situation für uns und auch für das Land, wir können beispielsweise, da wir eine Zusammenarbeit mit der AfD ausschließen, möglicherweise noch nicht mal einen Untersuchungsausschuss anstrengen."
Bitter für FDP: Abgeordnete verlieren ihr Mandat
Für den Landtagsabgeordneten Timm Kern, FDP, war es ein besonders bitterer Abend. Er verliert jetzt sein Mandat – so wie alle liberalen Volksvertreter. Die FDP ist draußen – nach den letzten Umfragen war das so nicht vorhersehbar.
Dr. Timm Kern: "Aber wir haben gespürt in den letzten drei Tagen, vier Tagen, dass es eben sehr viele Menschen gab, die unter gar keinen Umständen Hagel als Ministerpräsident haben wollten und andere, die unter gar keinen Umständen Özdemir als Ministerpräsident haben wollten, so dass das eben sehr stark mobilisiert hat für die jeweiligen Lager, und das hat sich für die kleineren Parteien ja sich verhängnisvoll ausgewirkt."
Nicht nur in Metzingen, auch im Ratskeller in Tübingen herrschte gedrückte Stimmung bei den Freien Demokraten. Irene Schuster hatte sich mehr erhofft als die am Ende drei Prozent für sie persönlich. "Also, wenn man sich die Umfragen der letzten Tage und Wochen angesehen hat, hat man realisiert, dass es durchaus so war, dass mehr zu holen war. Ich könnte auch schon in die Analyse gehen, und da beobachte ich, dass es eine deutliche Zuspitzung gab. Gerade um das Direktmandat", so Irene Schuster.
Gerade durch das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Grüne und CDU, auch im Wahlkreis, seien die kleinen Parteien, SPD, FDP und Linke, unter die Räder gekommen.
"Aufgeben ist keine Option!" - Linke gibt sich kämpferisch
Bei der Linken im S-Haus in Reutlingen zeigt man sich enttäuscht, andererseits aber auch erfreut über erhöhte Mitgliederzahlen. Überhaupt: Jessica Knapp versucht, das Wahlergebnis positiv zu sehen.
"Wir haben unsere Prozentzahlen erhöht im Vergleich zum letzten Mal, und ich glaube, insgesamt machen wir es einfach wie im Fußball auch: Vor der Wahl ist nach der Wahl und andersrum genauso, und ich denke Aufgeben ist keine Option, wir wissen, wie wichtig das ist, wie wichtig die Themen sind, wie wichtig der Fokus auf dem Mensch ist", so Jessica Knapp.
Gedrückte Stimmung herrschte im Riva in Tübingen, wo die Linke um Kandidatin Katharina Poppei feierte. Nachdem Umfragen die Linke im Landtag gesehen hatten, war man hier sehr enttäuscht, dass es doch nicht geklappt hatte.
"Unser Wahlkampf hat uns schon gezeigt, warum es eigentlich eine linke Stimme braucht, die Themen wie Miete, Soziales, die in Baden-Württemberg komplett untergegangen sind, sind immer noch bei den Menschen, aber auf den letzten Metern sind wir dann eben auf diesem etwas fingierten Kopf-an-Kopf-Rennen dann doch noch zerrieben worden."
Der Kampf zwischen den Grünen und der CDU um das Amt des Ministerpräsidenten, so der Tenor auf allem Wahlpartys, hat also den kleineren Parteien die Stimmen gekostet. Für so manchen mit bitteren Konsequenzen.
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