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Stuttgart

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Eine Frage der Haltung: Ministerpräsident Kretschmann empfängt Südwest-Adel

Der Adel wurde in Deutschland 1918 offiziell abgeschafft. Und doch spielt er auch heute noch eine wichtige Rolle, denn ihren Privatbesitz durften die Adligen behalten - und dazu gehören Schlösser, Wälder, Landgüter, Weinberge, ganze Familienunternehmen, die sich heute dem Erhalt und der Pflege des alten Besitzes widmen. Ausgerechnet der eingefleischte Anhänger der republikanischen Staatsform Winfried Kretschmann hat aber am Dienstag-Abend Adlige aus ganz Baden-Württemberg zum Empfang im Neuen Schloss eingeladen.

Baden-Württemberg, deine Schlösser. Viele von ihnen sind im Privatbesitz, dienen als Wohnsitze oder Hotels oder sind zur Besichtigung freigegeben. Nicht immer ein leichtes Erbe, wie Ministerpräsident Winfried Kretschmann meint.  "Immer, wenn ich dran vorbeifahre, denke ich: Gottseidank gehört es mir nicht. Weil wir betreuen ja selber Gärten und Schlösser, und wenn man das weiß, dann weiß man, dass diese Leute sehr, sehr hohe Aufwendungen machen müssen in diesen denkmalgeschützten Gebäuden", so Kretschmann während der Regierungspressekonferenz einige Stunden zuvor.

Deshalb hat der Ministerpräsident die hohen Damen und Herren in das Neue Schloss nach Stuttgart eingeladen, ein Schloss im Landesbesitz.  Hier fuhren sie vor, die Vertreterinnen und Vertreter der Häuser Baden, Württemberg, Hohenzollern und viele andere. Die Zahl der Adelshäuser ist groß, denn vor Napoleon war das Land in zahlreiche Klein- und Kleinstterritorien zersplittert.
 
Gruppenbild des demokratisch gewählten Landesvaters mit den Adligen des deutschen Südwestens. 
Dann geht es zum Empfang in den Marmorsaal. Es gehe darum, dem Adel zu danken, so Kretschmann. Zum einen für den Erhalt der Schlösser und Gärten, zum anderen für die unternehmerischen Tätigkeiten und nicht zuletzt für das vielfältige ehrenamtliche Engagement im sozialen und kulturellen Bereich.
 
Stellvertretend für den Adel sprach Erbgraf Karl Eugen zu Neipperg. Viele Familien engagierten sich für den Erhalt ihrer historischen denkmalgeschützten Gebäude. Man wolle dazu beitragen, die Zukunft über die nächste Generation hinaus verlässlich und erfolgreich zu gestalten. Deshalb sei der Dialog aller Beteiligten wichtig.
 
Im Anschluss ging es zu weniger formellen Gesprächen und zu einem Festbankett.  "Diese Häuser wie Baden oder Württemberg, erst mal sind sie die Namensgeber unseres Landes. Sie gehören zur Geschichte unseres Landes dazu, sind mit dieser Geschichte in vielfältiger Hinsicht verwoben, und es ist doch einfach schön und interessant, sich mit diesen Menschen zu unterhalten", sagte Kretschmann im Vorfeld.
 
Und für diese Unterhaltungen war dann genug Zeit. Bleibt nur ein Problem: Wie sollen die hohen Herrschaften angeredet werden? Da ist Republikaner Winfried Kretschmann ganz pragmatisch.  "Sie werden mit „meine Damen und Herren“ angeredet. Es ist schön, dass wir uns alle mit so adligen Begriffen anreden. Man sagt ja nicht „Guten Tag, liebe Männer und Frauen“, sondern man sagt: „Guten Tag, meine Damen und Herren.“ Es ist schön, dass wir nun alle geadelt sind, denn Adel ist eine Frage der Haltung", so Kretschmann.
 
Demnach können sich alle Baden-Württemberger ein wenig adlig fühlen – unabhängig von ihrer Abstammung. Nicht der Adel wurde zu Bürgern sondern die Bürger zu Adligen.


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